V-oyages

Eine Reise in Oulipo-Manier
a – die Reise wird von Scopello im Piemont bis Scopello in Sizilien (mit einem Abstecher nach Palermo) auf einer g e r a d en Linie mit 2 neunzig-Grad-Winkeln gen Sizilien durchgeführt
b – jeden Tag werden alle d r e i Gesänge (I n f e r n o , P u r g a to r i o und P a r a d i s o) der Divina Commedia in der nummerischen Übereinstimmung mit dem Datum gelesen
c – jeden Tag wird eine italienische Tageszeitung gekauft, was sich zuweilen schwer realisieren lässt und die H e a d l i n e in die Reisedokumentation aufgenommen.
d – wie ich feststelle, redet in Italien jeder mit jedem, es gibt keinerlei soziale Ausgrenzung; und auch in La Divina Commedia wird pausenlos geredet; Dante redet mit allen, auch mit den am schlimmsten gemarterten und verhassten Personen
e – ich frage alle meine ‚Vermieter‘, ob ich sie fotografieren darf und sie fühlen sich geradezu geehrt. Denn auch in jeder italienischen Zeitung gehört das Portrait des Autors selbstverständlich dazu.
f – alle Italiener l a c h e n, fast alle Italiener, wobei mir die wenigen ernsten Aufnahmen gerade die allerliebsten waren

Teil 1 (I-XI) N O R D E N

Am e r s t e n Mai beginnt meine Reise beim Kilometerstand 0 3 3 . 3 3 3 km auf dem Parkplatz der Unterkunft und ich lese jeweils den I. Gesang des I n f e r n o s (geriet ich tief in einen dunklen Wald), des P u r g a t o r i o s (Cato, ein Kriegstreiber, der ununterbrochen zur Zerstörung Karthagos mahnte, darf die Seelen empfangen) und des P a r a d i s o s. La Stampa kaufe ich in S c o p e l l o zusammen mit einem Buch zu der alpinistischen Vergangenheit der Region im 19. Jahrhundert. In der städtischen Pinakothek von Varallo begegne ich den Fresken Daniele De Bosis mit Episoden aus dem Leben des Heiligen Marco, deren Veduten auf Venedig hinweisen. Ich s c h w e b e hinauf zum Monte Sacri von Varallo, der von Besuchern an diesem Feiertag überlaufen ist und s c h w e b e wieder sicher herunter, wofür sich der Bericht in La Stampa vom 1. Mai über die erfolgreiche Prüfung der Seilbahn verbürgt. Carlo in G r i g n a s c o zeigt sich erfreut über mein Interesse an seinem Gemälde eines Mailänder Malers von 1961, welches einen Garten darstellt. Sein Haus strahlt, wie die gesamte Umgebung, den Glanz der 1960er Jahre aus, als die jetzt stillgelegten Fabriken prosperierten und die Gegend ein lebendiges Viertel gewesen sein musste. Die Zimmer sind mit riesigen Spiegeln und Betten möbliert, die Klappläden lassen g e d ä m p f t das Licht von außen herein. Hunderte Pflanzen säumen den Weg, immer dichter werdend um den Hauseingang, der kaum zu finden ist. Im Treppenraum mit Terrazzo und Steinstufen weitere Grafiken und Gemälde, auf dem Boden Bündel von Textilien gebrauchter Handtücher und Bettwäsche, über die hinweggestiegen werden muss.

Am z w e i t e n Mai gerate ich in dem v e r s c h l a f e n e n Landstädtchen Ghemme in die Feierlichkeiten der Heiligen Beata Panacea, worüber auch Il Monte Rosa berichtet. Hunderte Mädchen sind als Rotkäppchen verkleidet. Ihr Grabmal ist von Alessandro Antonelli gestaltet, der in N o v a r a auch die gewaltige Kirchenkuppel San Gaudenzio vollendete. Hier sind ebenfalls die Frühwerke von Vittorio Gregotti zu finden, dem international bekannten Architekten des Neorationalismus, der am 15.03.2020 ein frühes Opfer von Covid wurde. Diese Erinnerung an seinen tragischen Tod ist für mich ein maßgeblicher Bezug, da meine Reiseplanung vor Covid einen Ausgangspunkt in unmittelbarer Nähe zum Covidausbruch hatte.  Il Monte Rosa kaufe ich in G r i g n a s c o in einem kleinen Art-Déco ähnlichen Pavillon. Im II. Gesang des P u r g a to r i o s trifft Dante seinen Freund, den Musiker Casella, der ein Liebeslied Dantes vorträgt:

„Liebe, die in meinem Geist mit mir spricht,“

begann er dann so süß

dass die Süße noch immer in mir klingt.“

Mit Mauro kann ich mich nur per WhatsApp verständigen. Das Appartement liegt im Süden, am äußersten Rand von N o v a r a. Von außen formal sehr verspielt wirkendes Gebäude, welches im Inneren seine Raumqualitäten mit geschickt gesetzten Oberlichtern und hohen Fenstern ausspielt.

Am d r i t t e n Mai lese ich in Il Giornale von dem Dichter Giorgio Caproni. Caproni, il poeta che ha eso l’essenziale visibile agli occhi. Den Kontext zu Dante stellt Dario Galassinis „Poeta che mi guidi“ mit Dantes Nachleben in der Poesie von Giorgio Caproni, Antonia Pozzi, Vittorio Sereni und Mario Luzi her. Während Dante im III. Gesang des I n f e r n o s Manfredi, dem König von Sizilien, Enkel von Konstanza begegnet, trifft er im III. Gesang des P u r g a to r i o s Piccarda Donati, Schwester seines Freundes und Konstanza, Mutter Friedrich II. Mit Manfredis Tod endete die Stauferherrschaft in Süditalien. Die Ehe seiner ältesten Tochter Konstanze mit Peter III. von Aragonien führte wiederum zu den späteren Ansprüchen Aragoniens auf Süditalien. Passende Reliefs hierzu fotografiere ich in der Kartause von Pavia. Schwüle Hitze in der Po-Ebene. Geflutete und trockene Reisfelder. In C a r b o n a r a   a l   T i c i n o finde ich Angelo vor dem Fußball-Bildschirm d ö s e n d vor. Durch mein energisches Türaufdrücken schreckt er hoch und öffnet nach einer herzlichen Begrüßung die Tür zur Straße und meint leicht vorwurfsvoll: N o w, we are open! Abends ein klasse Mahl in dem brechend vollen Restaurant.

Am v i e r t e n Mai erinnert Avvenire an den am 21. April um 7.35 Uhr verstorbenen Papst Franciscus. Am Radio sitzend war ich einer der frühen Künder seines Todes. Im IV. Gesang des I n f e r n o s begegnen Dante und Vergil den antiken Schriftstellern Homer, Horaz, Lukan und Ovid in der Vorhölle und werden von diesen als ihresgleichen akzeptiert und mit freundlichen Gesprächen begleitet. In der Kathedrale von Bobbio entdecke ich zahlreiche Graffitis auf den wunderschönen alten Fresken, welche zur Symbolik und Abstraktion neigen. Abends in P e r i n o sitzt mir schräg gegenüber ein etwas unbeholfen wirkender Bauer, a l l e i n e, was in Italien selten ist, der mit wenig Begeisterung seine Pizza zerteilt und sich einverleibt.

Am f ü n f t e n Mai kündigt die Dante-Gesellschaft von Florenz in Libertà für den 28. Mai eine Veranstaltung an. Società Dante promotrice della cultura del territorio. Im V. Gesang des I n f e r n o s fungiert Minos als Höllenrichter und scheucht die beiden Liebenden Francesca von Rimini und ihren Geliebten Paolo herum. Im V. Gesang des P u r g a to r i o s findet Dante die geretteten Seelen von Jacopo del Cassero, der in den Sümpfen der Brenta verblutete, und Buonconte von Montefeltro, der am Zusammenfluss des Archiano, eines Wildbachs bei Arezzo, und des Arnos starb sowie Pia dei Tolomei, die von ihrem Mann in der Maremma umgebracht wurde. Ich komme 2 Stunden später als geplant in B e r c e t o an, weil sich die Anfahrt mehr als anspruchsvoll erwies. Roberta kommt gerade mit einem Küken in der Hand aus dem Stall, welches sie zuerst versorgen muss. Dafür bereiten mir die 3 Hunde und die Katzen einiges Amüsement. Alle Tiere einschließlich der Ziegen und des Geflügels sehen äußerst gepflegt, geradezu elegant aus und es herrscht eine stimmige Kommunikation zwischen Menschen und Tieren. Daneben verdient sich Roberta mit ihrem Mann Geld durch das Herstellen von Bettdecken und ähnlichem. Mein Abendessen besteht aus Sandwiches im Bahnhofsbistrot, da sämtliche Restaurants der Umgebung am Montag geschlossen sind.

Am s e c h s t e n Mai macht La Nazione mit dem anstehenden Konklave auf. Im VI. Gesang des P u r g a to r i o s fragt Vergil Sordello di Goito, einen vielgereisten Minnesänger nach dem Weg. Ich befinde mich im groß plakatierten Dante-Land, dem Lunigiano, wo aus Mulazzo Alessandro Malespina, der Forscher und Weltumsegler des 18. Jahrhunderts stammt. In Pontremoli das herausragende Museum mit den Lunigianesi-Stelen im Castello del Piagnaro. Diese Stelen, die aus heutiger Sicht an Brassai-Fotografien von Wandkritzeleien erinnern, wurden vor 5.000 Jahren von unterschiedlichen Clans zur Abgrenzung ihres Territoriums gefertigt. Bei Mulazzo 2 Stelen neben der Straße gefunden. Unterwegs nach L i c c i a n a  N a r d i, am Fluss Torrente Taberone gelegen, eine weggebrochene Straße. Von Carlo und Luisa werde ich in ihrem Mietshaus mit davor liegender, offener Treppe begrüßt. Carlo mit seiner ausgeprägten Fistelstimme freut sich sichtlich englisch zu sprechen und es macht ihm großes Vergnügen für mich vor seinem Selbstbildnis vergangener Jahre zu posieren. Den Nachmittag verbringe ich lesend und zeichnend in dem schönen Garten. Für den Abend haben die beiden dann vorsorglich in dem vollbesetzten Restaurant Beatrice für mich reserviert, sonst hätte ich hungrig zu Bett gehen müssen.

Am s i e b t e n Mai berichtet Libero von schwarzem Rauch, aber das Bild zeigt die Reichstagskuppel von Sir Norman Forster und der Rauch gilt Friedrich Merz. Fumata nera per Merz. Im VII. Gesang des P a r a d i s o s strahlt ein doppeltes Leuchten von Justitian aus, der die ideellen Verbindungen zur Antike kappte. In Pescia das Papiermuseum Museo della Carta di Pescia mit einer wunderbaren Ausstellung zu Giuseppe Ungarettis il Porto Sepolto 1923. Storia di un’edizione Übersetzung Lux autumnalis

Hier kommt der Dichter an,
er kehrt zurück ins Licht mit seinen Liedern
und verliert sie wieder.

sowie ein Wasserzeichen mit Dantes Profilbild als Negativform und ein Kasten für 100 Stechkarten entsprechend den 100 Gesängen. Plötzlich tauchen in diesem ansonsten leeren Museum 2 Schweizer Ehepaare auf und verwickeln die kundige Museumsführerin stundenlang in penibelste Fragen zur Papierherstellung. Wir bleiben lange wie angewurzelt stehen und kommen einfach nicht voran, während für mich das Italienische ins Englische übersetzt wird, was ich auch nicht besonders verstehe, manchmal auch ins Deutsche. Irgendwann schleiche ich mich davon. Auch Maurizio in V i l l a  B a s i l i c a spricht so vorzüglich englisch, dass ich nur die Hälfte verstehe. Mit allen Höflichkeitsformeln gewappnet, präsentiert er mir sein wundervoll eingerichtetes Rustico.

Am a c h t e n Mai zeigt Il Tirreno den schwarzen Rauch vom Vatikan aufsteigen. La prima fumata è nero. Sordello di Goito der Minnesänger begleitet Vergil und Dante immer noch im VIII. Gesang des P u r g a to r i o s in ein Tal, wo sie die Seelen von Nino Visconti und Corrada Malaspina, der Dante die Gastfreundschaft in der Lunigiana weissagt. (mein Aufenthalt am 6. Mai in Mullazzo). Im VIII. Gesang des P a r a d i s o s offenbart sich Karl Martell, wie Manfredi auch unehelich geboren, als schützender Freund Dantes. Im Tal mit der Via delle Cartiere gibt es noch heute dutzende Papierfabriken und der LKW-Verkehr rollt unermüdlich über diese dafür viel zu schmalen Straßen. In der Ebene dominieren Verkehrsachsen und Fabriken den Übergang ins Toskanische, nur die historischen Bereiche auf den Hügelspitzen sind davon verschont geblieben. In S a n  M i n i a t o kommt Emmanuele, das ‘Mädchen’ für alle, zufällig zur Unterkunft, als ich gerade angekommen bin und schließt mir auf, so dass das lästige Einchecken mit WhatsApp etc. entfällt. Draußen hängt eine Fahne, denn dies ist eine Pilgerherberge. In einer kleinen Galerie treffe ich Maria, einen Keramikkünstler und wir unterhalten uns über die ausgestellten Gemälde. Der Künstler Giuseppe Lambertucci, etwas chiricoesk im Ausdruck, hat auch in der Pilgerherberge, Grafiken wie hier von Pferden, hängen. Abends wird es eine Veranstaltung zu seinem besten Freund Piero Bigongiara geben, den er auch bildhaft festgehalten hat.

Ich höre im Ticken der Worte

das verlorene und melancholische Karussell,

eine nächtliche Wiederaufnahme von Eisenhut,

in deiner Liebesflut, diese Abende.

Auf der Burg Fredericos II., mit Hinweisen auf Pierre delle Vigne im XIII. Gesang, gibt es dann eine Maskerade mit einigen Mittelalter-Darstellern und einer Schulklasse. Ich bin von einem Kind angetan, welches wie ein autistischer Wicki wirkt und der ganz behutsam und selbstverständlich in der Schulklasse integriert ist. Er scheint jedenfalls glücklich zu sein.

Am n e u n t e n Mai wird dann in La Repubblica der neue Papst Leon XIV. und auf Münzen alle bisherigen Päpste vorgestellt. Il Papa americano. Im IX. Gesang des P a r a d i s o s wird Karl Martell von Cunizza da Romano abgelöst, in funkelndem Licht verbirgt sich der Dichter Folquet von Marseille und als weiteres funkelndes Licht die Hure Rahab von Jericho. Von S a n  M i n i a t o gehen die Pilgerwege weiter, oft auch an stark befahrenen Straßen gelegen. Die historischen Bereiche auf den Hügelspitzen wie San Gimignano sind jetzt durch touristische Anlagen entstellt und keinen Besuch wert. Einige Kleinode abseits dieser Routen sind davon ausgenommen. Vom Botanischen Garten in S i e n a, an einem steilen Hang liegend, bin ich von seinen Entwässerungssteinen ganz angetan. Diese leiten das Wasser über sog. Bottinis in unterirdische Zisternen. Daher ihre sorgfältige Ausführung. Der anschließende Besuch in dem riesigen Komplex der Santa Maria della Scala ist beängstigend und enttäuschend. Dort finden sich Kopien der stark verwitterten Brunnenfiguren des Campo von S i e n a, 1858 von Tito Sarocchi ausgetauscht. Verbotenerweise benutze ich einen Behindertenaufzug um diesem Labyrinth zu entkommen und flüchte vor den mir hinterher schallenden, unverständlichen Lautsprecherdurchsagen auf Italienisch. In der Stadt treffe ich Even in seiner Grafikwerkstatt mit seinen schönen Illustrationen. Ich fotografiere seine Sentenz zum I. Kapitel von Dantes I n f e r n o.

Am z e h n t e n Mai wird in La Repubblica vom Manifest des Papstes berichtet. Il manifesto del Papa. Dante errichtet im X. Gesang des I n f e r n o s Farinata mit seinem Gespräch ein ewiges Denkmal und setzt dieses mit Cavalcante Cavalcanti, dem Vater seines Freundes fort. Der Geist Thomas von Aquins spricht Dante im X. Gesang des P a r a d i s o s an. Taverne D‘Arbia, eine Stadt der Architektur und der Stadtplanung aus einem Guss. Auf einem Rondell am Stadtrand eine Pferdeskulptur mit einem kleinen Engel, Assoziationen zu ‚Ein Fest für ein fliegendes Pferd – Otto Piene in Siena‘. Dann folgend Castelmuzio mit einigen Dorfskizzen. Wunderschöne Fresken im Stil Tintorettos in der Abbazia di Monte Oliveto Maggiore, dazwischen Bündel herumstehender Bilder und eine wunderbare Bibliothek.  Einige Bilder der Moderne, die sich zwischen den vielen historischen Bildern entdecken lassen. Pater James spricht mich unmittelbar im Vorbeigehen an und wir unterhalten uns über den neuen Papst, der wie Pater James aus New Orleans stammt. Er fordert mich auf, einmal in die Südstaaten der USA zu reisen, denn nur dort sei der Spirit zu spüren. Die Ferienwohnung Rafaeles mit einer Traumaussicht ist wohltuend praktisch eingerichtet. Dass es in der Touristen-Hochburg M o n t e p u l c i a n o keinen einzigen Zeitungsladen gibt, ist das einzige Manko.

Am e l f t e n Mai ist der Headliner von La Repubblica über das Grab Franciscus. Sulla tomba di Francesco. Im XI. Gesang des P u r g a to r i o s trifft Dante den Sohn des Guglielmo Aldobrandeschi, sowie Oderisi da Gubbio und Provenzan Salvani. Ein aus der Zeit gefallener Kurpark in Terme Sant‘ Elena. Der Kopf einer vornehmen Etruskerin, an Gertrude Stein erinnernd und eine löwenähnliche Plastik im Etruskermuseum in Chiusi, an die chinesischen Drachenfiguren gemahnend, die Victor Segalen um 1900 aufgenommen hat. Lange unnötige Irrfahrt wegen einer Kirche aus dem XI. Jahrhundert. Für Orvieto wenig Zeit und Interesse. Wolkenstudien in Guardia. Das Geburtshaus von Max in C a c c i o n e entpuppt sich als Zauberhaus, voller Erinnerungen und Bilder. Sein Bruder Maria ist Künstler und hat das Bild mit den beiden Engeln gemalt, welches am Kopfende meines Bettes hängt. Eine Kopie einer Odaliske nach Ingres erinnert von der Haltung an die etruskischen Plastiken in halbliegender Stellung. Obwohl es nur 2 Gäste gibt, ist die Tafel für 10 Gäste gedeckt. Max, der Darsteller und Pianist ist, zeigt mir voller Stolz seine Weinreben und die Berge Umbriens in der Umgebung. Ich mache einige Frottagen von seiner Fassade und verabschiede mich. Zurück bleibt Max in seinem Elternhaus, voller Erinnerungen an seine Familie, die auf einer Fotografie zu viert eng zusammensitzen, die auch an die Kinderbilder von Leon XIV. erinnern. Strahlende Kinderzeit.



Teil 2 (XII-XXII) S Ü D E N

Am z w ö l f t e n Mai ein Appell von Leon XIV. für den Frieden in La Repubblica. Appello del Papa per la pace. Im XII. Gesang des I n f e r n o s werden unzählige Personen der Grausamkeit bezichtigt, wie Obizzo von Este, Guido von Montford, Rinier da Corneto und Rinier Pazzo. Beide Dichter werden im Purgatorium weiterhin von Oderisi begleitet. Der heiliggesprochene Franziskaner Fra Boneventura löst im XII. Gesang des P a r a d i s o s Thomas von Aquin ab. R i e t i entpuppt sich als eine einzige Baustelle mit vielen Gebäuden des Rationalismus. Ein unpersönliches Hotel, das Fenster geht auf eine schmale Gasse. Nachts von dort anhaltendes Schnarchen. Im Zimmer gegenüber brennt die ganze Nacht Licht, spät wird dort geklingelt, eine ältere Frau tritt ein und führt lange ruhige Gespräche. Bei einem kurzen Blick hinüber, meine ich einen behinderten Jugendlichen zu erkennen und konstruiere mir die Geschichte, dass dieser Jugendliche auch nachts betreut werden muss. Morgens ist dann dort drüben dunkel und ruhig.

Am d r e i z e h n t e n Mai macht La Repubblica mit Trump und einem Vorschlag zum Waffenstillstand für die Ukraine auf. Tregua, mossa di Trump. Pier de la Vigna, im XIII. Gesang des I n f e r n o s blutend zu einem Baum geworden war der Hofmeister von Federico II., wie in San Miniato auf der Stauferburg gesehen und von einer Schulkasse nachgespielt. In Ortucchio finde ich eine der vielen Gedenktafeln zu Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Im Auftrag der Mafia brachte Giovanni Brusca mehr als 100 Menschen um – auch den Top-Juristen Giovanni Falcone und seine Ehefrau Francesca Morvillo. Jetzt ist die Strafe verbüßt. Die Schwester des Mafiajägers äußert tiefen Schmerz und Verständnis. Zwischen dem Parco Naturale Regionale Monti Simbruini und dem Parco Naturale Regionale Sirente-Velino zur Hochebene Piana del Fùcino, welche von schnurgeraden Straßen durchzogen ist. Gesäumt von einer Kette von Ortschaften, um das fruchtbare Land in der Mitte für die landwirtschaftliche Produktion frei zu halten. In der Römerzeit befand sich hier ein See, für dessen Zufluss mit dem Claudiustunnel ein römischer Ingenieurbau in gigantischer Größe gebaut wurde. In T r a s a c c o serviert mir Alex morgens das Frühstück in dem kleinen Ferienhaus und erzählt mir, dass er sämtliche Anlagen selbst erbaut hat und profitiert jetzt wohl durch die Vermietung für seine Altersvorsorge. Einziger Wermutstropfen der Nachbar, der stundenlang Akkordeon übt.

Am v i e r z e h n t e n Mai lautet die Schlagzeile Putin beleidigt Europa. Putin insulta l’Europa. Dante begegnet im XIV. Gesang des I n f e r n o s Capaneus, der Jupiter herausgefordert hatte und auf Grund dieser Gotteslästerung in die Hölle verbannt wurde. Im Parco Nazionale D’Abruzzo Lazio e Molise; der Film ‚Un mondo a parte‘ wurde in den Abruzzenorte gedreht und die Bilder in den Dörfern ausgestellt. In Venafro, dem antiken Venafrum in den Häuserfassaden eingemauerte Teile von antiken Skulpturen. Im Gespräch mit Vincenzo in P o z z i l l i stellt sich heraus, dass dieser als passionierter Basketballtrainer auch den zurzeit bei Alba Berlin spielenden Matteo Spagnolo trainiert hatte. Dies war in dessen Jugendjahren und Vincenzo zog dafür extra nach Rom. Jetzt trainiert er die örtlichen Jugend- und Herrenmannschaften.

Am f ü n f z e h n t e n Mai fordert im IL Messagero der Italiener Sinner den Papst Leon XIV. zu einem Tennismatsch „Giochiamo un po?“ auf. Dante trifft im XV. Gesang des I n f e r n o s seinen Meister Brunetto Latini und im XV. Gesang des P a r a d i s o s seinen Ahnen Caccaguida. Eine gesperrte Straße zum Stausee Serbatoio di Cesima führt zu Umwegen. Werbeschilderwald in Vairano Scalo, Antonio fällt sowohl mein Auto als auch mein Herumwandern auf. Er hat scheinbar alles im Überblick, spricht mich an und erzählt von seiner früheren Arbeit in Süddeutschland. Danach begleitet er mich zum Zeitungsladen, da ich mir die tägliche Zeitung kaufen will. In Montesarchio viel Verkehr, jedoch enttäuschend, auch weil es regnet, Jahrmarktaufbau in A i r o l a. Sergios Unterkunft, eine riesige Ferienwohnung, befindet sich leider im Souterrain und auch der Kühlschrank muss zum Schweigen gebracht werden.

Am s e c h s z e h n t e n Mai formuliert Papst Leon XIV. in Il Giornale, eine Familie besteht aus einem Mann und einer Frau. Familiglia formata da uomo e donna. Im Kulturteil die Carta del Carnaro von d’Annunzio. Dante geht im XVI. Gesang des P a r a d i s o s gegenüber seinem Urahn Cacciaguida im P a r a d i s o  vom Du zum Ihr über, worüber Beatrice lächeln muss. Durch riesige Kastanienwälder zur Medienstadt  Giffoni Valle Piana mit einem  jährlichen Filmfestival, dann der Blick zur Ebene vor dem Cilento, hier in Eboli war Carlo Levi während des Italienischen Regime des Faschismus interniert, worüber er den später verfilmten Roman ‚Christus kam nur bis Eboli‘ schrieb. Anna führt in C a m p a g n a das Kommando und Alba geht ihr dabei zur Hand. Alles ist gediegen und gepflegt. Das geschickt geschachtelte Innere mit schönen Möbeln und Bildern dekoriert, die Außenanlagen entzückend, die Aussicht fulminant. Die abendliche Promenade im nahegelegenen Quadrivio mit Autocorso, spielenden Kindern, eine Szene löst die nächste ab, wie ein Filmpanorama zum schauen und verweilen und staunen, wieviel aus sozialer Interaktion passieren kann, ein tägliches Fest.

Am s i e b z e h n t e n Mai in La Repubblica ‚Verhandlungen zwischen Moskau und Kiew‘. Mosca-Kiev trattativa tra i veleni. Im Kulturteil Machiavelli, der gemeinhin als ‚Verehrer‘ Dantes und ausgewiesener Kenner der Divina Commedia gilt. Im XVII. Gesang des I n f e r n o s Begegnung mit Arrigo Scrovegni, der als Wiedergutmachung für seine Verfehlungen und die seiner Vorfahren die Kapelle mit den Giottofresken in Padua bauen ließ. Durch das Cilento, Schafsherde am Fiume Sele, Altavilla, Erinnerungen an die Schlachten 1943 mit der amerikanischen Invasion, Tafeln der bei Bombardierungen Gestorbener, bei Sierra eine Geisterstadt, Straßen gesperrt, ich fahre hin und her, Wanderung zu einem einsamen Wasserfall, M o n t e  S a n  G i a c o m o mit vielen Details in den Fassaden. Vor 20 Jahren war der italienische Präsident Napoletano zu Gast bei Rezzo, an dessen Zeit auch die Grafik Rezzo à la Warhol erinnert. Mario, ganz bescheiden, spricht besser Englisch als er sagt und reserviert mir für abends einen Tisch im Restaurant, zum Glück, denn es wird richtig voll.

Am a c h t z e h n t e n Mai in La Repubblica der Antrittsbesuch der Politiker aus aller Welt bei Leon XIV. Il mondo a San Pietro la diplomazia di Leone XIV. Dante trifft im XVIII. Gesang des I n f e r n o s Venedico Caccianimico und erkennt Alessio Interminei wieder. Die Certosa von Sa Lorenzo entpuppt sich als eine ineinander geschachtelte Anlage mit kleinen Innenhöfen, einem riesigen Kreuzgang, umgeben von schönen Parkanlagen mit dabei der Garten des Priors und die ‚Appartments‘ der Kartäuser ebenfalls mit kleinen eigenen Gärten. Darin Kunstwerke von Enzo Cucchi und Vertretern der arte povera. Le Corbusier hatte auf seiner Italienreise eine ganz ähnliche Anlage mit der Certosa di Firenze besucht, welche ihn lebenslang beeinflusste. Bei Gioia in L a u r i a  I n f e r i o r e  checke ich ein und bei Giuseppe, dessen Bruder eine Trattoria in Berlin betreibt, trinke ich in der kleinen, wunderschön eingerichteten Bar, meinen Morgencafé.

Am n e u n z e h n t e n Mai predigt Leone in La Repubblica den Frieden. Leone mediatore di pace Das Bestrafen der Päpste erfolgt im XIX. Gesang des I n f e r n o s durch Eingraben in Erdlöcher. Im XIX. Gesang des Purgatoriums erscheinen Papst Hadrian V., der die englische Kirche reformierte und seine Nichte Alagia. Bei Laino Castello eine aufgegebene Bahnstrecke, welche zu einem Radweg ausgebaut werden soll. Einsame, wunderschöne Touren für Radfahrer, die Landschaft wird immer karger. Nancy hat kein Problem mich in meinem langsam fahrenden Citroen zu stoppen. Eine lange Litanei auf Italienisch setzt an. Wir befinden uns auf einer kargen Hochebene, wo die Sonne hart auf die wenigen Miethäuser brennt. Fahrt durch das Holzland, es wird grüner, L u n g r o als Teil einer albanischen Besiedelung wirkt fremdartig. Anna gehört zu der albanischen Bevölkerung von Lungro. Ihr Haus mit Garibaldi-Bezug und dem Portrait ihres Vaters hat historische Dimensionen. Valentina ist auch albanischer Abstimmung und als Kind in München zur Schule gegangen und sichtlich froh mal wieder deutsch sprechen zu können, nur schreiben in Deutsch, das geht nicht. Von ihrem Verhalten empfindet sie sich als deutsch: ‚Ich schnalle mich zum Beispiel sofort im Auto an‘, erklärt sie. Dann serviert sie mir eine leckere Pizza.

Am z w a n z i g s t e n Mai reflektiert La Repubblica über Frederico II. und die Normannen in Sizilien.Eine der Seelen im XX. Gesang des P u r g a t o r i u m s ist Hugo Capet, vor dem Dante große Hochachtung hat. Kaiser Trajan und Ripheus, ein trojanischer Held, werden im XX. Gesang des P a r a d i s o s in den Himmel erhoben. Papst Gregor I. soll von dem Kaiser so beeindruckt gewesen sein, dass er für das Seelenheil des Heiden gebetet habe, bis dieser aus der Hölle befreit wurde. Parco Nazionale dela Sila, C e r e n z i a mit einem Hauch balkanischen Sozialismus. Silvana kommt gerade von dem Besuch ihres Sohnes in Dortmund zurück. Beide sprechen wir nicht die Sprache des anderen.

Am e i n u n d z w a n z i g s t e n Mai hört Meloni auf den Papst in La Repubblica. Meloni sente il Papa. Zu den beiden Dichtern gesellt sich im XXI. Gesang des P u r g a t o r i u m s mit Statius ein Dritter. Im XXI. Gesang des P a r a d i s o s erscheint die Seele des Petrus Damianus, den die Abscheu vor der Sittenlosigkeit der römischen Geistlichkeit zur Rückkehr ins Kloster bewog. Nach dem schönen Parco Nazionale dela Sila die Mühen und der Schmutz der Ebene und dann die Stadt Caesars mit einem fulminanten Museum und der Rolle der Frau in der Antike mit Münzen und kleinen Plastiken. Giusy in V i b o  V a l e n t i e schreibt mir ihren Namen auf meine Bitte auf. Ihrem (noch jungen) Sohn ‚gehört‘ das Hotel und sie hat gegenüber eine chice Pistacceria und immer ein Lachen auf den Lippen.

Am z w e i u n d z w a n z i g s t e n Mai veröffentlicht La Repubblica einen Tag vor dem Todestag Falcones sein Notizbuch mit den Termineintragungen. Ciampaolo versucht im XXII. Gesang des I n f e r n o s vergeblich seine Haut zu retten. Ein traumhaftes Panorama bis zur Fähre, in V e n e t i c o am Strand kennt jeder jede und umgekehrt.

3. Teil (XXIII-XXXIII) S I Z I L I E N

Am d r e i u n d z w a n z i g s t e n Mai thematisiert La Repubblica eine Freundschaft zwischen dem Sizilianer Leonardo Sciascia, der einen kriminologischen Essay zu Raymond Roussel verfasst hat und dem Fotografen Piero Guccione. Im XXIII. Gesang des I n f e r n o s, Catalano und Loderingo, nach Dante zwei Heuchler und der horizontal gekreuzigt Kaiphas, der Hohepriester, der Jesus Tod verlangte. Im XXIII. Gesang des P u r g a t o r i u m s erscheint die Seele Forese Donatis, einem alten Freund Dantes. Milazzo, kurz vor dem Ziel ist die Straße gesperrt, ein Umweg und Rückweg von 150 km und 2 Stunden, dazu leuchtet auf der Autostrada die Motorwarnanzeige, was ein langes Suchen in Messina nach einer Werkstatt zur Folge hat. Eine Vollbremsung auf der Autostrada und ein robustes Zurücksetzen bewahrt mich vor der endgültigen Katastrophe, einem kilometerlangen Stau durch den Fährverkehr. Bei Alberto in C a s t i g l i o n e ist der schwäbische Dialekt unverkennbar. Gegenüber der Ferienwohnung toben hier mitten im Gebirge hunderte von Kindern in einem Fußballstadion und abends ist eine Wahlkampfveranstaltung im Ort angesagt. Ich werde ausnahmsweise 2 Nächte bleiben, um den Ätna zu erkunden.

Am v i e r u n d z w a n z i g s t e n Mai die Fußballmeisterschaft vom AC Napoli auf dem Titel von La Repubblica. Dante, erschöpft, wird von Vanni Fucci im XXIV. Gesang des I n f e r n o s verflucht. Im XXIV. Gesang des Purgatoriums gesellt sich Buonagiunta ein weiterer Dichter zu den 3 Dichtern. Im XXIV. Gesang des P a r a d i s o s prüfen Petrus, Jacobus und Johannes Dante. Linguaglossa, Ätna im Nebel, nachmittags das Museo Messina, Francesco Messina stammte aus Linguaglossa und Incorpora hatte lange Zeit hier sein Atelier. Wegen den erduldeten Leiden in einem deutschen KZ malte er später die Menschen mit breiten zerquetschten Füßen, resultierend von der vielen Arbeit und der Tortur des Stehen müssens.

Am f ü n f u n d z w a n z i g s t e n Mai veröffentlicht La Repubblica ein Bild des jungen, heute alten Matt Salinger. 100. Geburtstag des Komponisten Aldo Clementis. Im XXV. Gesang des I n f e r n o s erleiden Vanni Fucci, Boso Donati und Francesco Cavalcanti schreckliche Qualen und im P u r g a t o r i u m Dante, der von Statius seit dem XXI. Gesang begleitet wird. Immer wieder Blicke auf den Ätna, das Auto macht sich selbstständig und rollt weg, so eine Eselei. In A i d o n e Salvatore mit Sohn, alle reden durcheinander, tolles Essen, verrücktes Zimmer. Treffe 12-15 Ragazzi am höchsten Punkt von Aidone, alle wissen über Dante Bescheid.

Am s e c h s u n d z w a n z i g s t e n Mai setzt La Repubblica Garibaldi in die heutige Zeit. Im XXVI. Gesang des I n f e r n o s die beiden Sünder Odysseus und Guido da Montefeltro. Und im XXVI. Gesang des P u r g a t o r i u m s nehmen zwei Dichter Bezug auf zwei andere Dichter, es sind dies Arnaul Daniel und Guido Guinizelli sowie Giraut von Bornelh und Guitone. Im XXVI. Gesang des P a r a d i s o erscheint als viertes Licht der Urvater Adam. Convento di S. Maria di Gesù in Palermi, karge Landschaften, frühgeschichtliche Besiedlung bei Muculufa, Plastikplanen für Gemüsekulturen und Melonen, Aufbau der Strandliegen und -umkleiden. Michele und Francesco in L i c a t a haben den ganzen Abend das Restaurant nur für mich geöffnet, sie erzählen vom Wochenende, wenn der Tanzbär los ist und wir schauen die Endloswiederholungen wie Macron im Flieger scheinbar von seiner Gattin geohrfeigt wurde. Und Zack. L ä c h e l n. Und Zack. L ä c h e l n. Und Zack. L ä c h e l n.

Am s i e b e n u n d z w a n z i g s t e n Mai ist der Headliner von La Repubblica ‚die vereinte Mitte-Links-Partei gewinnt‘. Vince il centro-sinistra unito. Im XXVII. Gesang des P u r g a t o r i u m s verschwindet Vergil ohne Dantes Bewusstsein. Museum Licata mit vorgeschichtlichen Funden, Rentner kaufen riesige Rettiche, man amüsiert sich wie immer prächtig miteinander, Pirandello, ein akribischer Kenner Dantes, sein Museum, sein Grab, sein Theater, er ist omnipräsent und es ist großes Theater, die Polizei beim Knöllchen verteilen mit Trillerpfeife und langem Hin und Her, es ist ein ständiges kommen und gehen, begrüßen, ermahnen und plaudern. Zimmer in A g r i g e n t o im Louis XV.-Stil mit Balkonblick auf den Hauptplatz

Am a c h t u n d z w a n z i g s t e n Mai zeigt La Repubblica ein Foto, auf dem der Papst ein Trikot des AC Napoli mit der Nummer 10 überreicht bekommt. Dante trifft im XXVIII. Gesang des P a r a d i s o s Matelda im Garten Eden. Mein Freund und Friseur Francesco in einem aberwitzigen Interieur im Art-Deco-Stil. Im Anblick von Ribera Brandrodungen, nach 50 Jahren ist der Bahnhof von Ribera verschwunden, eine Bestandsaufnahme, Bar von Laura und Salvatore, ich sitze quasi auf der Straße und esse so etwas wie Zunge, fein geschnitten in einem Brötchen, in Ribera hatte ich vor 50 Jahren die Straßen, den Bahnhof, den es nicht mehr gibt und das Stadion fotografiert, unglaubliche Zufälle in C a l t a b e l l o t t o. So etwas wie der Höhepunkt der Reise mit ungewöhnlichen Begegnungen, der Künstler Salvatore, von dem auch eine Figur der Persefone stammt und neue Zeichnungen mit Dante Bezug, Professor aus Palermo und hier gebürtig, im Museum ausgestellt und in seinem privaten Showroom seine Werke präsentierend, dann Salvatore aus Long Island, er war 45 Jahre auf Long Island in Haft, begleitet mich bis zum höchsten Punkt des Dorfes, wo die Felsenwände jäh abstürzen, hier war der letzte Rückzugsort der Sklavenaufstände und noch ein dritter Salvatore zusammen mit Kim aus Mannheim zum Besuch im Bildhaueratelier.

Am n e u n u n d z w a n z i g s t e n Mai enthält der Kulturteil von La Repubblica einen Artikel zum profaschistischen Philosophen des deutschen Idealismus Giovanni Gentile. Im XXIX. Gesang des I n f e r n o s, Geri del Bello ein Verwandter. Letzte Etappe, in Poggioreale ein etwas befremdlicher Wiederaufbau nach dem Erdbeben. Am Ende der Etappe Scoppello – S c o p p e l l o lande ich das erste Mal mitten in einem Touristenort und bleibe daher auf dem Balkon und fotografiere die Wolken.

Am d r e i s s i g s t e n Mai Pierre Boulez in La Repubblica. Im XXX. Gesang des I n f e r n o s sind die Sünder u.a. Giovanni Schicch und Myrrha sowie das Weib von Potiphar und der Grieche Simon. Im XXX. Gesang des P a r a d i s o s ein leerer Stuhl für Heinrich VII. Blick aus dem Fenster in P a l e r m o: die feine Gesellschaft, meist uralt und fein herausgeputzt, verschwindet durch eine unscheinbare Tür gegenüber, hier tagt der Circolo Bellini.

Am e i n u n d d r e i s s i g s t e n Mai veröffentlicht La Repubblica ‚Musk tritt nach Anschuldigungen zurück „Er hat sich selbst gedopt“. Musk lascia tra le accuse „Si dogava“ Im XXXI. Gesang des I n f e r n o s die Riesen Nimrod und Ephialtes sowie Antäus, im XXXI. Gesang des P u r g a t o r i u m s taucht Matelda Dante in den Fluss Lethe. Im XXX. Gesang des P a r a d i s o s wird Beatrice von Bernhard von Clairvaux abgelöst. Im Museo Archeologico sonnen sich Schildkröten in verschiedenen Größen in einem Bassin und stapeln sich dazu übereinander. Giovanni erzählt seine Liebesgeschichte in Worms von vor 30 Jahren, einer Stadt mit der ich auch persönlich verbunden bin.

Am e r s t e n Juni macht La Repubblica Edgar Morins Biographie mit 103 Jahren publik. ‚A 103 anni vi dico solo: resistete!‘ Im XXXII. Gesang des P u r g a t o r i u m s wird Dantes Schrift ‚De Monarchia‘ mit den Verfehlungen der beiden Päpsten Bonifaz VIII. und Clemens V. illustriert. Blick aus dem Fenster: unweit der Tür zum Circolo Bellini befindet sich eine ähnliche unscheinbare Tür. In diesen Verschlag räumt eine Familie ihre übriggebliebene Ware aus dem Flohmarkt ein, ein wunderbares Schauspiel.

Am z w e i t e n Juni ist der Headliner bei La Repubblica ‚Mattarella: Verhungertes Gaza ist unmenschlich.‘ Mattarella: disumano ridurre Gaza alla fame. Im XXXIII. Gesang des I n f e r n o s befinden sich Graf Ugolino und der Erzbischof Ruggerie sowie Frate Alberigo aus Faenza. Spaziere an dem Grandhôtel et des Palmes in der Via Roma 398 vorbei, wo Raymond Roussel am 14. Juli 1933 seinem Leben ein Ende gesetzt hat.

+1 (XXXIV)

Am d r i t t e n Juni auf dem Meer. Im XXXIV. Gesang des I n f e r n o s zermalmt Luzifer unaufhörlich Brutus, Cassius und Judas.

Fortsetzung: Eine Reise in Oulipo-Manier

g – im Fernsehen s i n g e n die Italiener gerne miteinander, auch in großer Runde und selbst die seriös aussehenden Persönlichkeiten sind sich dazu nicht zu schade

h – neben den Personen aus der Divina Commedia, gibt es Persönlichkeiten aus den jeweiligen Tageszeitungen mit vorwiegend kulturellem Bezug, welche ich textlich benenne.

i – die Reise erfolgt vorwiegend auf kleinen Straßen abseits der Autostrada, der geraden Linie nach Punkt a geschuldet

j – die Reiseroute umfasst täglich durchschnittlich 100 km, die sich auf Grund der Straßenqualität, der mangelnden Orientierung, des anspruchsvollen, durchweg bergigen Geländes mit Straßensperrungen als Herausforderung herausstellt und entsprechend lange dauert.

k – die Hunde sind durchweg gut erzogen und wie die Italiener selbst sehr freundlich eingestellt; im Süden gibt es dann die herrenlosen Hunde auf den Straßen, die zum Teil furchtsam scheinen, aber so wie sie sind, akzeptiert werden, es ist irgendwie ein miteinander.

I – nach dem 31. Mai mit den XXXI. Gesängen folgen datentechnisch der 01. Juni – 03. Juni mit Bezug zu den XXXII. bis XXXIV. Gesängen; Scopello im Piemont beginnt am 01. Mai und endet in Scopello in Sizilien am 30. Mai, mit einer Fortsetzung in Palermo bis zum 02. Juni und der Rückfahrt über das Meer am 03. Juni

m – die täglich gefundenen oder gekauften Unterlagen werden in einer der durchnummerierten Boxen 01 – 34 aufbewahrt; hinzu kommen sperrige Gegenstände wie Palmwedel aus Palermo oder Reste der Eisenbahnschienen aus Ribera

n – die erste Konzeption der Reise erfolgte 2018/19 vor Corona und sollte im Frühjahr 2023 erfolgen; auf Grund der topografischen Nähe zu Ausbruchsorten von Corona in Norditalien erfolgte 2021/22 eine Anpassung der Reiseroute

o – die während der Reise erfolgte Papstwahl schlägt sich deutlich in der Berichtserstattung in den Zeitungen nieder; da das Thema Päpste auch in La Divina Commedia eine maßgebliche Gewichtung hat, ergeben sich zahlreiche Querbezüge und wird zu einem der bestimmenden Themen; denn La Divina Commedia stand immerhin eine Zeitlang auf dem vatikanischen Index verbotener Bücher

p – laut O u l i p o gibt es keine Zufälle, sondern sind Teil des Systems

q – in der Presse immer wieder schmierige oder schwierige Spuren zum Faschismus mit D’Annunzio und Gentile

r – auf der geografischen Höhe von Neapel beginnt der Kipppunkt mit dem Straßenmüll, der nun vermehrt auftritt und auf Sizilien kulminiert

s – das Wesen des italienischen ist das t r a n q u i l l o

t – die Grenzen zum Tourismus sind fließend und man muss sich viel Touristisches wegdenken, um ein authentisches Bild zu erhalten

u – das durchweg bergige Italien wird nur von wenigen Ebenen wie der Po-Ebene und Teile der Toskana unterbrochen; ansonsten dominiert bis weit in den Süden das grüne Italien mit vielen Nationalparks

v – die zahlreichen Gedenkveranstaltungen zu der Ermordung Giovanni Falcones am 23. Mai werden durch die Berichterstattungen und Gedenkorte zu einem wichtigen Bezugsthema

w – die Durchmischung der Divina Commedia mit heidnisch-antiken und christlichen Legenden und Personen entspricht dem Bild Italiens von heute mit seinen vielen Monumenten und Museen aus diesen Zeitepochen

x – Mandelstam schreibt in seinem Essay über Dante auch über das Italienische, welches er als Kindersprache lobt

y – zum 33. Bestehen des Engeler Verlags wird 2025 die Lectura Dantis, von, wie der Verlag behauptet 33 + 1 zeitgenössischen Dichtern im Dialog mit Dantes Commedia herausgegeben; in Wirklichkeit sind es 37, also 33 + 1 + 3

z – die Dante-Übersetzungen sind Legion und weichen zwangsläufig mehr oder minder stark vom Original ab; ich habe die Übersetzung mit den Kommentaren von Ida und Walther von Wartburg bevorzugt